Zwischen Klischees, Zwang und der ganz persönlichen Revolution

Mit 14 haben wir die ersten Pickel bekommen, unsere Eltern haben uns genervt, wir wollten die Welt erobern und stießen dabei schon beim Anlauf an die uns gesetzten Grenzen. Durch Zufall geriet uns dann die erste WIZO Scheibe in die Hände mit der wir ab dann der Musikanlage der Eltern samt ihren Kuschelrock und Schlagerparty Vol.567 CDs den Dezibel-Krieg erklärten. Mit 15 waren WIZO dann auch schon wieder Kinderpunk, hattest du die tolle „Bundeswehr-Oliv“-Jacke mit 183 Buttons. Wir schwuren auf die Terrorgruppe und kannten die Schachtrufe-Sampler auswendig. Die erste Demo miterlebt und Bier gesoffen. Ja das war die Revolution.
Bei einigen hörte es da dann doch auch schon auf und andere Sachen wurden interessant. Aber nicht so bei uns, nein wir machten weiter. Die Lederjacke kam, Bondagehosen und Stiefel, die 2 Nummern zu groß waren. Ihr fingt an zu rauchen, wir  saufen, manch einer kiffte auch oder nahm andere Drogen. Schule wurde als ätzend empfunden, und auch wenn wir nie dumm waren, strafte man uns doch dort. „Weil wir aussehen wie wir aussehen“ und warum überhaupt Schule? Hallo? Liebe Leute….Die APPD ist die einzig wahre Partei. ARBEIT IST SCHEISSE, ARBEIT IST SCHEISSE, ARBEIT IST SCHEISSE.
Aber DU kennst ja auch den ein oder anderen Punker der wirklich arbeitet. SCHEISS KAPITALIST!!! Gut wirklich gearbeitet hast du auch nicht, aber wenns so ähnlich ist wie die Spülmaschine im Elternhaushalt ausräumen….dann: ARBEIT IST SCHEISSE!! Oder wir gammelten in den Fußgängerzonen. „Haste mal ne Mark??“ oder wie es heute ist „Ma nen Euro??“ bezeichnest du als Arbeit. Pünktlich zum 18ten Geburtstag erreicht uns doch echt der Brief, den wir vollkommen vergessen hatten: „Vorladung zur Musterung durch das Kreiswehrersatzamt der deutschen Bundeswehr“. Klar…nagut dann lassen wir uns eben Mustern. Werden schon untauglich sein. Weit gefehlt. T1 mit bravour. Und mit einem süffisanten Lächeln und noch ein „Sie können ja zu den Panzergrenadieren gehen“ werden wir entlassen.
Scheiss System. Fuck off the Bundeswehr. Unser bereits von uns geschlauchter männlicher Erzeuger reibt sich die Hände: Endlich kriegt der Punk Zucht und Ordnung eingeprügelt. Und du gehst doch tatsächlich zum Bund…Infanterie, du konntest dich ja auch nicht wehren, das ist ein Feind gegen den du keine Chance hattest. Herzlichen Glückwunsch, dabei ist der Bundeswehr-Parker doch voll Pseudopunk.
Sicher gemerkt. Ich wechsle zwischen wir, du und ich. Mit wir habe ich den normalen Werdegang einfach mal aufgegriffen, mit du, habe ich dich, den, der nun zum Bund geht beschrieben. Aber eins verstehe ich noch nicht ganz. Ich für meinen Teil gehe ja wirklich arbeiten. Eine Tatsache, die du als so verwerflich empfindest. Aber warum zur Hölle, wenn du doch so Überzeugt bist, gehst du zur Bundeswehr? Und warum muss ich mir von dir Vorwürfe machen lassen? Für meinen Teil habe ich ebenfalls die Musterung mitgemacht. Aber anstatt genau am System, am Staat, am Feind unserer Jugend den Widerstand zu leben, resignierst du. Dort, wo dir der wenigste Spielraum von Notwendigkeit des Überlebens (so Scheiße es ist, Geld regiert die Welt) gegeben wird, dort wo deine Entfaltung am drastischsten bekämpft wird. BEIM BUND. Genau dorthin lässt du dich zwingen und hältst mir vor, mich zu verkaufen.
Tja was soll ich sagen. Ich gehe Arbeiten, lasse dafür eben Stiefel und Nieten zu Hause, aber kann etwas machen, was mir vielleicht sogar Spaß macht, bekomm mein Überleben dafür sichergestellt und muss meine Überzeugung nicht hinterm Berg halten. In der Fußgängerzone kann ich immer noch sitzen, auch wenn ich da nicht um Geld betteln muss. Schön das du deine Stiefel weitertragen kannst. Aber weder Denken, noch rebellieren noch das, was du dir erkämpfen wolltest, findest du da. 3x hoch auf dich, Revolutionär.
Vielleicht sehen wir uns ja am Wochenende auf dem Konzert dann kannst du mich wieder als Kommerzverräter des Punks beschimpfen, aber wer weiß ob du kommst, vielleicht musst du ja auch in der Kaserne auf Wache sein?